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Das Recht auf Unvernunft

Mit 75 bei einer Dating-App anmelden? Mit 85 noch Auto fahren? Da liegt einem als Sohn oder Enkelin vielleicht ein „Du bist zu alt dafür!“ auf der Zunge. Ein Kommentar, den Sie sich besser verkneifen.

Zu alt, um alleine auf eine längere Wandertour zu gehen? Wer als Kind oder Enkel zu diesem Urteil kommt, sollte auch den eigenen Blick auf das Alter hinterfragen. FOTO CHRISTIN KLOSE/DPA

Es gilt als heikles Thema in Politik, Verkehrspsychologie und in unzähligen Familien: Menschen, die sich im hohen Alter noch ans Steuer eines Autos setzen möchten – und die Diskussion darüber, wie gefährlich das werden kann.

Dabei hat man als Sohn oder Tochter oft einfach nur große Angst, dass den Eltern etwas zustößt. Genauso, wenn der 80-jährige Vater mit Herzleiden noch zu einer Fernreise oder alleine zu einer Wanderung aufbrechen will.

Ein Satz, der ausschließt und diskriminiert

Kann es in solchen Situationen falsch sein, zu sagen: „Du bist zu alt dafür“ – in der Hoffnung, den Vater oder die Mutter von etwas abzubringen? Ja, kann es. Da sind sich Gerontologinnen und Gerontologen einig – also diejenigen, die sich aus wissenschaftlicher Sicht mit dem Altern beschäftigen.

„Wir können einem alten Menschen nicht sagen: „Das darfst du nicht“. Dazu haben wir nicht das Recht“, sagt der Heidelberger Psychologe Prof. Andreas Kruse, verantwortlicher Autor der Altenberichte des Bundestages.

„Einer Person zu sagen, etwas geht nicht, nur weil sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht hat – diese Verallgemeinerung muss unbedingt vermieden werden. Sie ist Quelle der Diskriminierung.“ So ein Kommentar schließt ältere Menschen aus und kann ordentlich verletzen.

Auch Nina Lauterbach-Dannenberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), hält eine solche Bemerkung für nicht angemessen. „Es ist vor allem eine Feststellung, die etwas über die eigenen Sichtweisen und Stereotypen aussagt: dass man nämlich einem älteren Menschen etwas nicht mehr zutraut.“ Grund dafür seien oft falsche Altersbilder, die nicht der Realität gerecht werden.

Aber was ist, wenn das Reaktions- oder Sehvermögen von Vater oder Mutter messbar schwindet? Oder es den Verdacht gibt, dass er oder sie eine Demenz entwickelt? Dann gilt aus Sicht der Experten: Wer Bedenken – etwa mit Blick auf die Sicherheit beim Autofahren – ansprechen will, sollte sehr behutsam und differenziert vorgehen.

Sorgen sensibel ansprechen

Vielleicht so: „Möglicherweise haben bestimmte Fähigkeiten, die für das Autofahren absolut bedeutsam sind, nicht mehr den Leistungsstandard, dass du sicher fahren kannst.“ Andreas Kruse findet: „Das ist eine ganz andere Botschaft, als zu behaupten: ‚Du bist zu alt!‘“

Ergänzen könnte man dann auch den Vorschlag, dass es aus Gründen der Sicherheit – von einem selbst und von anderen – eine gute Idee sei, die Fähigkeiten einfach mal überprüfen zu lassen. „Dann ist das gar nicht mehr diskriminierend“, findet der Gerontologe. Die Fahrtauglichkeit prüfen lassen können Ältere bei verschiedenen Anlaufstellen, etwa dem ADAC, der Dekra oder dem Tüv.

Auch Nina Lauterbach-Dannenberg hält es für legitim, Sorgen zu äußern. Dabei könnte es im Einzelfall auch helfen, gemeinsam mit einer weiteren Person des Vertrauens das Thema offen anzusprechen. „Dafür eignet sich eine Freundin, Nachbarin, Vertraute jeglicher Art – oder jemand aus einer Familienberatungsstelle oder professionellen Pflegeberatung, auf die jeder Mensch in Deutschland einen kostenfreien Anspruch hat.“

Doch ganz gleich, wie sensibel man vorgeht: Es kann passieren, dass man bei seinem Gegenüber auf Unverständnis trifft. Und dann?

„Wenn es tatsächlich um Leib und Leben geht, dann ist es natürlich notwendig, zu intervenieren“, sagt Gerontologin Lauterbach-Dannenberg. „Wenn mein Gegenüber aber darauf beharrt, dass er diesen Teil an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung behalten möchte, dann ist das zwar schwer. Aber dann muss ich das als Angehöriger auch ein Stück weit aushalten lernen.“

In einem solchen Fall sollten Angehörige also die Autonomie der älteren Person anerkennen. Und vielleicht gibt es Kompromisse. „Man könnte gemeinsam überlegen, ob man vielleicht durch eine Verhaltensänderung – wie langsamer fahren oder nur noch vertraute Strecken fahren – einige Risiken minimieren kann“, sagt Andreas Kruse.

Danach sollte man sich gemeinsam Gedanken machen, wie nach und nach der Ausstieg aus dem Autofahren gelingen kann. Sinnvoll ist dabei, schon im Vorfeld nach Alternativen zu suchen, wie zum Beispiel die Mutter oder Vater weiterhin mobil sein kann.

Anders formuliert: „Mit viel Geduld immer wieder neue Möglichkeiten aufzeigen“, sagt Nina Lauterbach-Dannenberg, „aber niemals zur Inanspruchnahme zwingen. Auch alte Menschen sind erwachsene Menschen und haben auch das Recht auf Unvernunft.“

Etwa dann, wenn sie eine Reise planen, die ihren Kindern vielleicht zu riskant erscheint. Andreas Kruse rät: „Dann sollte ich fragen: Traust du es dir zu, diese Leistungsfähigkeit, die dafür erforderlich ist, aufzubringen? Dann ist es eine gute Sache.“

Er würde einem Menschen über 80 Jahren in dieser Situation dasselbe sagen wie einem 65-Jährigen: „Ich würde ihm raten: Lass vorher einen Gesundheitscheck machen, um sicher zu sein, dass du nicht einen Risikofaktor trägst, der dir den Genuss dieser Aktivität erheblich stören kann.“

Potenziale des Alters hervorheben

Und wenn der Vater oder die Mutter Dinge plant, die zwar nicht risikobehaftet sind, die einem als Enkel oder Tochter aber als nicht mehr angemessen erscheinen? „Wenn mir jemand sagt: Ich möchte mich neu verlieben, dann sage ich: Warum denn nicht?“, sagt Kruse, der bis 2022 Mitglied im Deutschen Ethikrat war. „Ich bin der Meinung: Wir müssen einem Menschen die Freiheit zugestehen, zu entscheiden, was er will.“

Und vor allem müssen die Jüngeren umdenken und einen anderen Blickwinkel einnehmen: Indem sie sich eben nicht an den Schwächen, die das Altern mit sich bringt, orientieren, sondern dessen Potenziale schätzen und hervorheben.

Das Alter reiche als Merkmal jedenfalls niemals aus, um eine Person zu charakterisieren. Im Gegenteil: „Denn je älter wir werden, desto diverser werden wir“, sagt Andreas Kruse. dpa